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Diese Nacht prägte sein Leben Das Bahnunglück von Brühl

Die Zugkatastrophe vom Februar 2000 forderte neun Tote und 149 Verletzte. Einer von ihnen war Damian Robertson aus Kanada. Bild: dpa

26.03.2021

Als der Kanadier Damian Robertson (42) zum letzten Mal in einem Zug saß, war er halb so alt wie heute. Er war einer von 300 Fahrgästen des Unglückszugs, der vor 21 Jahren im Brühler Bahnhof entgleiste.

Die Schreckensnacht von Brühl lässt Damian Robertson nicht mehr los. Seit dem Unfall leidet der Kanadier an einer posttraumatischen Belastungsstörung, schläft oft schlecht, denkt viel zurück. Nun möchte sich der ehemalige Soldat seinen Dämonen stellen und sucht nach einem Mann, der ihm in der Nacht der Katastrophe beigestanden hat.

Ein Blick zurück. 6. Februar 2000, 0.15 Uhr, Bahnhof Brühl: Der Nachtexpress D203 vonAmsterdamnach Basel fährt mit viel zu hoher Geschwindigkeit auf den Brühler Bahnhof zu. Mit 122 km/h rast er über eine Weiche und entgleist. Ein schreckliches Unglück – ausgelöst durch eine Kombination von eklatanten Missständen im Sicherheitssystem der Bahn und menschlichem Versagen, wie die Justiz später feststellen wird.

Die Lokomotive kommt erst im Wohnzimmer eines nahegelegenen Wohnhauses zum Stehen. Hinter ihr liegen vier Waggons in der Böschung, ein weiterer hat sich regelrecht um einen Pfeiler gewickelt. Die grausige Bilanz: neun Tote und 149 Verletzte, 25 davon schwer. Minuten nach dem Unglück irren schockierte Menschen orientierungslos durch Brühl, tragen teilweise kaum mehr Kleidung an sich, bluten. Andere schreien vor Schmerzen um Hilfe. Es sind diese Szenen, die Robertson nicht mehr aus dem Kopf gehen.
  

Damian Robertson mit 21 (l.) und heute. Wer ihm bei der Suche nach dem unbekannten deutschen Soldaten helfen kann, schreibt unter facebook.com/damian.robertson.338 Bilder: zVg
Damian Robertson mit 21 (l.) und heute. Wer ihm bei der Suche nach dem unbekannten deutschen Soldaten helfen kann, schreibt unter facebook.com/damian.robertson.338 Bilder: zVg

Als junger Soldat war der damals 21-Jährige bei den Friedenstruppen im Kosovo stationiert. In der Unglücksnacht befand er sich jedoch auf dem Weg nach Mailand, um einen Freund zu treffen. Als der Zug entgleiste (Robertson: „Es fühlte sich ein wenig wie eine Achterbahnfahrt an“) zersplitterte das Fenster des Abteils, in dem er saß – durch den Aufprall seines eigenen Kopfes. Der Kanadier trug eine schwere Gehirnerschütterung, zahlreiche Schnittwunden und einen Bandscheibenvorfall davon. Doch die Verletzungen spürte er zunächst kaum.

Nachdem er die Scheibe, gegen die er geprallt war, herausgedrückt hatte, half er anderen Leuten aus dem Abteil hinaus. Selbst als Robertson endlich draußen stand und das gesamte Schreckensszenario vor Augen hatte, blieb keine Zeit zum Durchatmen. Und erst recht keine für Panik. In einer solchen Situation als Ersthelfer zu bestehen – das hatte er schließlich als Soldat gelernt. „Ich war trotzdem von mir selbst überrascht, dass ich so ruhig war und sofort anderen helfen konnte“, erinnert er sich.

Dann sah er in einem umgestürzten Waggon, dass jemand von innen versuchte, die Abteiltür zu öffnen. Es war ein deutscher Soldat, ebenfalls ein Fahrgast. Der Kanadier eilte ihm zur Hilfe. Gemeinsam schafften sie es. Die nächsten rund fünfzehn Minuten arbeiteten die beiden Soldaten gemeinsam, unterstützten sich bei der Rettung der verletzten und geschockten Menschen. Erst als die ersten Einsatzkräfte vor Ort waren ließen sich die beiden ablösen und ihre eigenen Verletzungen versorgen. „Ich gab dem Soldaten die Hand und dann habe ich ihn nie wieder gesehen“, so Robertson.

21 Jahre später ist er nun auf der Suche nach diesem Mann. „Ich glaube, wenn ich mit ihm sprechen könnte, würde ich mit einigen Dingen abschließen können“, so Robertson gegenüber EXPRESS. Außerdem würde er ihm gerne einfach für die gute Arbeit danken, die er in dieser Nacht geleistet hat. „Genauso, wie ich mich gerne bei allen Ersthelfern von damals bedanken würde – ich hatte bis heute ja nie die Chance dazu.“

Wegen seiner Verletzungen wird der Kanadier damals wenig später zurück in die Heimat geschickt und bleibt noch drei Jahre bei der Armee. Heute ist Robertson verheiratet und seit 16 Jahren als Künstler und Tätowierer tätig. Er betreibt ein eigenes Studio in Calgary, liebt die Natur und das Motorradfahren. Doch Brühl ließ ihn nie wirklich los.

Mit dem Unfall umzugehen habe manchmal schlecht und manchmal ganz gut funktioniert, sagt er. Geholfen habe ihm die Kunst. „Dafür habe ich mich schon immer interessiert. Zeichnen, malen und tätowieren haben mich aus allem Ärger herausgehalten.“ Seit der Unglücksnacht in Brühl habe er nie mehr in einem Zug gesessen. Und Deutschland würde er gerne noch einmal besuchen. „Ich fand es war eines der schönsten europäischen Länder, die ich bereist habe.“