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Der Plenarsaal des alten Wasserwerks in Bonn war bis auf den letzten Platz gefüllt, als am 20. Juni 1991 in rund 100 Reden über die Hauptstadtfrage debattiert wurde. Bild: DBT/Presseservice Steponaitis

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Das Schicksal einer Stadt Vor fast genau 30 Jahren, am 20. Juni 1991, wird über nichts Geringeres entschieden als die Zukunft Bonns.

10.06.2021

Am Morgen dieses nasskalten Donnerstags ist der Ausweich-Bundestag im alten Bonner Wasserwerk bis auf den letzten Platz besetzt. Einziger Tagesordnungspunkt: Von wo aus soll das wiedervereinigte Deutschland künftig regiert werden: Rhein oder Spree? Es folgt ein nervenaufreibender Polit-Krimi, den die Bonner live auf dem Marktplatz verfolgen.

Dort, direkt am historischen Rathaus, überträgt eine riesige Videoleinwand ab 10 Uhr aus dem nur wenige Kilometer entfernten Bundestag. Public Viewing, ganz ohne Fußball. Noch am Vorabend flimmerten Erinnerungen an die Bonner Republik darüber, schauten 25.000 davor gebannt zu. Alles im Rahmen einer letzten großen Demo der Bonner für ihre Stadt. Es herrschte Volksfest-Stimmung.

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Immer mehr Menschen strömen auch am Tag danach zum Alten Rathaus. Sie machen sich bereits für die große Entscheidung, die am Abend erwartet wird. „40 Jahre Bonner Republik – umsonst?“ oder „Lieber David als Goliath“ steht auf ihren Transparenten. Wieder herrscht rheinische Gelassenheit in der Menge, es wird viel gelacht. Man rechnet allgemein mit dem Sieg für Bonn. So orakeln zahlreiche Umfragen, so munkeln Abgeordnete.

Als erster Redner tritt mit dem damaligen Arbeitsminister Norbert Blüm ein Wahl-Bonner aus Überzeugung ans Podium. „Lasst dem kleinen Bonn Parlament und Regierung“ bittet er seine Kollegen im Plenum. Blüm folgen all die großen Namen von Kanzler Kohl bis Alt-Kanzler Brandt. Das Parteibuch zählt an diesem Tag nicht. Jeder kämpft für sich, steht für Rhein oder Spree, möchte die anderen überzeugen.


Norbert Blüm: „Lasst dem kleinen Bonn Parlament und Regierung“


„Es geht hier nicht um den Wettkampf zwischen zwei Städten, sondern um die Zukunft Deutschlands“, sagt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble am Nachmittag. Für sein Berlin-Plädoyer kassiert er minutenlang stehende Ovationen von vielen Abgeordneten. Den Bonn-Fans im und außerhalb des Bundestags schwant langsam Böses. Könnte die Stimmung doch noch kippen? „Mit Bonn ist immer der zweite Versuch der Deutschen verbunden – aller demokratisch gesonnenen Deutschen, die guten Willens waren und sind – wieder Demokratie zu wagen“, lobt der sechs Monate zuvor frisch wiedergewählte Kanzler Helmut Kohl die Nachkriegs-Hauptstadt in seiner Rede. Sein Votum lautet dennoch: Berlin.

Am Abend herrscht dann trotz des regnerischen Wetters wieder verbreitet Heiterkeit, sowohl auf dem Marktplatz als auch im Wasserwerk. Vor dem Alten Rathaus spielt eine Band, das Kölsch fließt reichlich. Auch in der Kantine des Parlaments wird nicht nur Wasser eingeschenkt. Bei den letzten von 104 Reden an diesem Tag entlädt sich die Ungeduld der Parlamentarier in Zwischenrufen und Gelächter. 200 Seiten schriftliches Protokoll spiegeln die Länge der Debatte. Gegen 21 Uhr folgt dann – endlich – die Abstimmung.

Um 21.49 Uhr schaltet Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ihr Mikrofon wieder ein. „Die Spannung ist riesengroß“, sagt sie und verkündet: 320 Stimmen für den Bonn-Antrag, 337 für Berlin. Die Hälfte des Parlaments springt auf, jubelt. Umarmungen, geballte Fäuste. Die anderen bleiben sitzen, starren vor sich hin. Manche weinen.

Auf dem Marktplatz dagegen herrscht ausschließlich das Entsetzen. Auch dort fließen Tränen. Manche Regierungsbeamte zerreißen ihre Mitarbeiterausweise. Die Musiker auf der Bühne reagieren sofort, spielen traurigen Blues. OB Hans Daniels eilt vom Bundestag aus auf die Bühne am Alten Rathaus. „Diesen Entschluss wird Bonn leichter verkraften als Deutschland“, ruft er den Menschen zu. Und während auf dem jubelnden Kudamm in Berlin Autokorsi und Sektflaschen kreisen, verkrümeln sich Tausende Bonner still in die Kneipen, um ihren Frust zu ertränken.
  

Eigentlich solltegerecht geteiltwerden

Im Berlin-Bonn-Gesetz von 1994 wurde festgelegt, dass die Hälfte der ministeriellen Arbeitsplätze nach dem Regierungsumzug in Bonn verbleiben soll. Im Jahr 2019 jedoch unterhielten die Berliner Bundesministerien etwa 15.400 Arbeitsplätze, deren Zweigstellen in Bonn hingegen nur noch rund 6.750. Bonn hofft auf eine vertragliche Neuregelung nach der Bundestagswahl.