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„Es fährt ein Zug nach nirgendwo …“ Jeden Abend fahren unsichtbare Stadtbahnen durch die Kölner Haltestelle „Heumarkt“

Eine „Geisterzug“ der besonderen Art: Die Stadtbahn ist nicht zu sehen – aber deutlich zu hören

24.03.2022

Mit dem Zug, der nirgendwo hinfuhr und den es noch gestern gar nicht gab, landete Christian Anders 1972 einen Hit, der ihn schnurstracks bis in die Charts beförderte – auch in Österreich. Werner Reiterer war damals im zarten Alter von acht Jahren. „Natürlich kenne ich den Schlager“, sagt der in Graz geborene Künstler. „Die Installation des Geisterzuges ist durch den Song aber nicht inspiriert, obwohl der mir durchaus manchmal im Kopf herumschwirrte!“ Auch mit dem Geisterzug, der in der Karnevalszeit 1991, in der der Rosenmontagszug abgesagt wurde, als Anti-Golfkriegs-Demonstration durch Köln zog, hat das Reitersche Werk nichts zu tun.

Durch die Wand. Aber was hat es dann mit diesem Geisterzug auf sich, wo fährt er und vor allem: warum? Nun: Wer sich abends nach 20 Uhr in der unterirdischen Haltestelle Heumarkt aufhält, hat gute Chancen, dem Zug zu begegnen. Zweimal rauscht er – von der Haltestelle „Rathaus“ kommend – durch die Bahnsteigebene der Nord-Süd Stadtbahn in mehr als 21 Metern Tiefe. Dass es von dort aus gar nicht weitergeht, weil die Station wegen des Archiveinsturzes am Waidmarkt noch ein Sackbahnhof ist und ein massives Betonschott in der Tunnelröhre jede Weiterfahrt Richtung Süden unmöglich macht, interessiert den Geisterzug wenig. Er fährt einfach hindurch.

Per Zufallsgenerator. Das ist irritierend. „Und genau das soll es auch sein“, sagt der Künstler. Der Geisterzug existiert nur akustisch. Niemand sieht ihn, aber er ist deutlich zu hören. Wie alle anderen Züge wird er über die Stationslautsprecher angesagt und auf der digitalen Anzeigetafel angekündigt. „Man muss schon Glück haben, den Geisterzug zu erleben, der per Zufallsgenerator abgespielt wird. Das gehört mit zum Konzept“, erklärt Reiterer. „Manche Leute sprechen mich an, weil sie nicht sicher sind, ob es den Zug überhaupt gibt oder alles nur ein Fake ist.“

Nachhaltiger Eindruck. Aber nein, den Geisterzug gibt es wirklich. Die Fahrgeräusche kommen aus Lautsprechern, die versteckt unter der Bahnsteigkante angebracht sind und die den mit Richtmikrofonen aufgenommenen Originalton einer fahrenden Bahn rund zehn Sekunden lang in die Station übertragen. Ein flüchtiges Phänomen, das einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Gewohnt, dass in dieser Umgebung in regelmäßigen Zeitabständen Bahnen einfahren, in die die Menschen dann einsteigen, sorgt das Nicht-erscheinen einer Bahn, die alle doch haben kommen hören, für ein Aufschrecken, ein Innehalten und Verwunderung. Was war das?

Überraschende Dynamik. Die Ungewöhnlichkeit des soeben Erlebten spiegelt sich in den Reaktionen der Menschen. Sie schauen sich fragend um, sprechen andere Fahrgäste an, sind unsicher, ob ihre Wahrnehmung ihnen einen Streich gespielt hat. Genau das will Reiterer: „Ich verstehe diese Arbeit als eine Intervention, die den öffentlichen Raum, in dem sie stattfindet, für einen Moment in etwas Neues, Surreales verwandelt. Entscheidend ist der Prozess, der in den Köpfen der Betrachter und Hörer stattfindet: Dass und wie die Fahrgäste über das Erlebnis des „Ghosttrains“ sprechen, wie er sich als Thema verselbstständigt und eine eigene überraschende Dynamik entwickelt, ist der eigentliche Kern dieses Projektes.“
 

Kunstwettbewerb Nord-Süd Stadtbahn

Der „Ghosttrain“ ist eines von vier Kunstwerken, das im Zuge eines internationalen Wettbewerbs 2009 von einer hochkarätigen Jury ausgewählt wurde. An dem Wettbewerb beteiligten sich mehr als 222 Künstler/-gruppen. Weitere Infos in der Broschüre „Kunst im Untergrund“ unter: www.nord-sued-stadtbahn.de/publikationen/index.html

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