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Acryl auf Beton Am Werk der international renommierten Künstlerin Katharina Grosse in der U-Bahn-Haltestelle „Chlodwigplatz“ scheiden sich die Geister

23.04.2020

Schmiererei oder Kunst? Sprayerin gestaltet KVB-Haltestelle“ titelte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Oktober 2015 nach der Vorstellung des großflächigen und farbgewaltigen Wandgemäldes in der neuen U-Bahn-Haltestelle „Chlodwigplatz“. Es erstreckt sich von der Treppenanlage unterhalb des Kreisverkehrs entlang der kompletten Westseite der Gleisebene bis hin zum Treppenaufgang vor der Severinstorburg. Statt eines Pinsels setzte die Künstlerin Katharina Grosse eine Druckluftpistole ein. Die schwung- und kraftvoll aufgebrachten Acrylfarben überlappen sich, zerfließen ineinander, überdecken den Sichtbeton fast vollständig.
  

Katharina Grosse bei der Vernissage in Köln
Katharina Grosse bei der Vernissage in Köln

„Einfach machen lassen“. Der Kulturredakteur konnte sich nicht entscheiden, wie er das findet: „Da hat die Kölner Polizei anscheinend wieder mal nicht aufgepasst und die Frau mit der Spritzpistole (…) einfach machen lassen. Und wir stehen jetzt ergriffen vor dem Malheur: Eine in allen Regenbogenfarben schillernde Monumental-Schmiererei auf Beton, kackfrech und wandfüllend in den Abstieg zum neuen U-Bahnhof am Chlodwigplatz gesetzt“, schrieb er einleitend. Überraschend schwenkte er schließlich um und befindet: „Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), bislang nicht gerade für ästhetisches Feingefühl bekannt, machen sich um das Stadtbild Kölns verdient – wenn auch nur unterirdisch.“

Zahlreiche Auszeichnungen. Über die Frage, was Kunst ist, lässt sich streiten. Über das Renommee von Katharina Grosse sicher nicht: Die 1961 in Freiburg geborene Malerin genießt in der internationalen Szene höchste Anerkennung, wird zum Teil als eine der bedeutendsten Künstlerin des vergangenen Vierteljahrhunderts gefeiert. Grosse studierte an der Kunstakademie Münster, war von 2000 bis 2010 Professorin an der Kunsthochschule Berlin, dann bis 2018 an der Kunstakademie Düsseldorf. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Oskar-Schlemmer-Preis sowie den Otto-Ritschl-Kunstpreis und lebt heute in Berlin. Werke von Katharina Grosse sind unter anderem im Centre Georges-Pompidou Paris, in Kunsthäusern und -museen in Zürich, Stuttgart, Bonn, München, Porto, Kopenhagen, Stockholm oder Queensland zu sehen. 2015 realisierte sie ein fünfteiliges Raumgemälde im Deutschen Bundestag.


"Fünfteiliges Werk im Deutschen Bundestag in Berlin"


Multidimensionale Bildwelten. Grosses Malerei kann überall auftauchen. Mit der Sprühpistole verwandelt sie Räume und Fassaden in komplexe Farbwelten. An Wänden, Decken, ganzen Gebäuden entstehen multidimensionale Bilderlebnisse. Etliche Projekte hat die Künstlerin in öffentlichen Räumen umgesetzt – etwa entlang einer Bahnstrecke in Philadelphia, am schwedischen Bahnhof Vara und im Flughafen von Toronto. Ein weiteres spektakuläres Werk setzte sie 2016 in Fort Tilden im New Yorker Stadtteil Queens um.

Bereicherung für die Domstadt. In Köln arbeitete Katharina Grosse erstmals in einer U-Bahn-Haltestelle. Ein Novum, mit dem sich die Dommetropole nicht nur in die lange Liste der genannten Städte der Welt einreihen, sondern sogar ein Alleinstellungsmerkmal aufweisen kann. Zweifelsfrei – wenn vielleicht auch nicht jedermanns Geschmack – eine Bereicherung für die Kunst- und Kulturstadt am Rhein. Schauen Sie vorbei und machen Sie sich selbst ein Bild.
  

Ein Atelier unter der Erde

Die Umsetzung des Gemäldes war mit einem großen Aufwand verbunden

Das Team während der Arbeiten in der Haltestelle Chlodwigplatz
Das Team während der Arbeiten in der Haltestelle Chlodwigplatz

Ein Wandgemälde in der Größe von rund 500 Quadratmetern in einer Höhe von bis beinahe 15 Metern zu realisieren – und dies zudem 17 Meter tief unter der Erde –, ist ein logistischer und physischer Kraftakt. Nach rund sechsmonatiger Vorbereitungszeit ging es im Sommer 2015 an die Umsetzung. Die weitestgehend fertiggestellte Haltestelle dufte nur noch von Personen betreten werden, die direkt mit der Umsetzung des Vorhabens zu tun hatten. Vier Mitarbeiter einer Kunstspedition schufen zunächst die erforderlichen Voraussetzungen: Der Terrazzoboden wurde komplett mit Holzplatten abgedeckt, alle nicht zu besprühenden Flächen wurden mit Abdeckfolie und Spezialklebeband geschützt, ebenso die Fahrtreppen, Decken und Lüftungssysteme. Per Spezialtransport wurden zwei große Scherenbühnen in die U-Bahn-Station eingebracht. Sie ermöglichten der Künstlerin, die ihre Sprühbewegungen fließend und mit Schwung ausführen und jeden Winkel erreichen musste, sich weitgehend frei zu bewegen.
   

Der Treppenabgang zur Gleisebene
Der Treppenabgang zur Gleisebene

23 Gallonen – etwa 87 Liter Farbe – wurden in das unterirdische Atelier gebracht, vor Ort gemischt und verarbeitet. Zwei Wochen intensiver Arbeit benötigte Katharina Grosse, um das Kunstwerk zusammen mit zwei Helfern fertigzustellen. Anschließend wurde es mit einem besonderen Speziallack versiegelt.