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Des Rätsels Lösung... Das Kunstwerk von Heimo Zobernig in der Haltestelle Rathaus erfordert eine genauere Betrachtung, um es zu entschlüsseln

23.04.2021

Kunst zu verstehen, ist bekanntlich nicht immer einfach. Manchmal ist es auch das Lesen nicht – jedenfalls dann nicht, wenn man vor einem Werk von Heimo Zobernig steht, in dem er einen Schriftzug so verfremdet, wie den, der in der unterirdischen Haltestelle Rathaus angebracht ist. Das Wandfries ist 25 Meter lang und auf der Gleisebene gegenüber dem Bahnsteig angebracht. Ein Zweites befindet sich in der Oströhre, die bis zur kompletten Fertigstellung der Nord-Süd Stadtbahn jedoch verschlossen wurde. Jedes der beiden unbeschichteten Aluminiumfriese ist aus 20 zweischaligen Relieftafeln zusammengesetzt, die eine Höhe von 250 und eine Breite von 125 Zentimetern haben. Sie sind je einmal als Positiv- und als Negativvariante ausgeführt.

Geometrische Formen. Wer Zobernigs Werk betrachtet, ist möglicherweise zunächst ratlos und fühlt sich an einen Spruch erinnert, der einmal unter einem in einem Baum hängenden Fahrrad zu lesen war: „Muss Kunst sein, ist mir zu hoch!“ Auf den zweiten Blick trifft das hier aber nicht zu, denn erstens hängt das Fries auf Augenhöhe und zweitens ist es – sobald man weiß, wie es entstanden ist – durchaus zu verstehen. Wer genauer hinschaut erkennt, dass es sich bei den streng geometrischen Formen um Buchstaben handelt. Was dort aber tatsächlich steht, ist ohne Kenntnis des Inhalts und der Machart kaum zu entschlüsseln. Die Aussage, die der Künstler hier hinterlegt hat, ist nicht mehr als das, was es wirklich ist: WANDGESTALTUNGNORD-SÜDSTADTBAHNKÖLN. Das Kunstwerk beschreibt also nicht mehr als sich selbst.

Beziehung zur Literatur. „Die Buchstaben sind ineinander verschoben, überlappen sich“, erklärt Heimo Zobernig, der viel mit Buchstaben arbeitet. „Das zieht sich durch die letzten 40 Jahre und liegt vielleicht an meiner starken Beziehung zur Literatur. Möglicherweise auch daran, dass ich in den 90er-Jahren für mehrere Institutionen die Corporate Identity entwickelt und mich intensiv mit Schriften befasst habe. Bei meinen Gestaltungen nutze ich seit vielen Jahren ‚Helvetica Black‘, eine der wenigen Schriften, bei denen die Buchstaben flächig sind und die sich daher gut für meine Arbeit eignet.“

Schwer lesbar. Den auf dem Bahnsteig wartenden Fahrgästen verkürzt der Versuch einer Enträtselung die Zeit bis zum Einfahren der nächsten Stadtbahnen. Dass diese die Tafel immer wieder verdecken, gehört zum Konzept: Wechselbezüge zwischen dem Kunstwerk und den Besonderheiten der Umgebung sollen bewusst mit einbezogen werden. Die verfremdeten, schwer lesbaren Schriftzüge sind sowohl Wort als auch Bild, sowohl Information als auch Objekt.

Bleibende Spuren. Der gebürtige Kärntener Zobernig studierte an der Akademie der bildenden Künste und der Hochschule für angewandte Kunst Wien, war Professor an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und an der Städelschule Frankfurt am Main. Seit 21 Jahren hat er eine Professur für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Wien inne. Mit dem Wandfries in der Haltestelle Rathaus hat er bleibende Spuren in der Domstadt hinterlassen, ist aber auch darüber hinaus in Köln präsent: Im Skulpturenpark ist sein Werk „Spartakus Catering“ zu sehen.

Das Buch. Mehr Infos zur Kunst im Untergrund in dem Buch „Linienführung“ von Barbara Schock-Werner, das im Greven Verlag erschienen ist.
  

Oben historisch – unten futuristisch

Lichtkunst – fast wie in einem Ufo
Lichtkunst – fast wie in einem Ufo

Die Gestaltung der Haltestelle Rathaus bildet einen Kontrast zur umgebenden Bebauung

Das silbern schimmernde Aluminium des Kunstwerks von Heimo Zobernig passt perfekt zu den silbernen Wandverkleidungen. Die Station befindet sich in unmittelbarer Nähe des historischen Rathausturmes mit seinen 124 Figuren von Menschen, die in der 2000-jährigen Geschichte der Stadt eine herausgehobene Stellung einnahmen. Der Alter Markt, unter dem die Haltestelle liegt, ist von denkmalgeschützten Häusern umgeben.
  

Spacig: die Treppenaufgänge in der unterirdischen Station
Spacig: die Treppenaufgänge in der unterirdischen Station

Begibt man sich dort unter die Erde, könnte der Kontrast kaum größer sein: Die runde Verteilerebene, auf die die Fahrgäste von den beiden oberirdischen Zugängen aus zunächst gelangen, wird überspannt von einer spektakulär gestalteten Decke. In ihrem Zentrum befindet sich eine bläulich-silberne, radial unterteilte Fläche, die in einem inneren Kreis und an der Außenkante wirkungsvoll beleuchtet wird. Eine gelungene Lichtkunst, die unwillkürlich an einen Sternenhimmel erinnert, obwohl sie eigentlich gänzlich anders aussieht.

Die Wandflächen sind dort, wo sie nicht aus silbernen Metallflächen bestehen, in einem kräftigen Rot oder Blau bemalt. Auch die Wände der noch sichtbaren Tunnelröhren sind hier blau und bieten dem Kunstwerk von Heimo Zobernig einen idealen Kontrast und Hintergrund.